Uncle Sally's - August 2003

Jane strays

Damit hätte wohl kaum jemand gerechnet: Jane's Addiction sind wieder da. So richtig, mit neuer Platte namens 'Strays', (Fast-) Originalbesetzung, Tourplänen and all that Jazz. Obwohl es über die Neunzigerjahre immer wieder verstreute Gerüchte und Legenden um eine Reunion gab, von denen einige 1997 sogar zu greifbaren Ergebnissen in Form einer erfolgreichen Tour und zwei neuer Songs für ein Raritäten-Album ('Kettle Whistle') führten, hielten selbst hartgesottenste Fans der Crossover-Paradiesvögel es für äußerst unwahrscheinlich, dass sich das Quartett noch einmal zu einer tatsächlich funktionierenden Band zusammenraufen würde und könnte.

Nothing's Shocking?

Viel schlimmer noch: Durch die immerhin 13 Jahre seit dem letzten offiziellen Album 'Ritual De Lo Habitual' (1990) drohte diese einst stilprägende und revolutionäre Combo in Vergessenheit zu geraten; lief Gefahr, sogar von Fans durch sie selbst beeinflusster Gruppen der zweiten und dritten Generation wie Korn, Limp Bizkit und P.O.D. wenn überhaupt nur noch als 'Blast From The Past' wahrgenommen zu werden. Kein leichtes Unterfangen also für die Musiker, die (nicht nur im Bandnamen) ein Lungenzug-tiefer Hauch von Verdrogtheit umwehte, die ihr Studio-Debüt 1988 keck 'Nothing's Shocking' nannten, obwohl die Abbildung nackter, weiblicher Körper in sonderbarem Arrangement auf dem Cover durchaus für (nicht unbeabsichtigte) Aufruhr und Empörung sorgte. Damals - aber wie 'shocking' können Jane's Addiction in Zeiten noch sein, in denen Marilyn Manson nur die Mickey-Mouse-Ohren-tragende Spitze des 'Shock-Rock'-Eisbergs ist? Wenn selbst Popleichtgewichte wie Christina Aguilera (auf die wir übrigens später noch kurz zurückkommen werden) zur besten Sendezeit auf MTV knappste Unterböxen, kombiniert mit einem Hauch von Garnichts spazieren tragen, und die meisten musikalischen Kombinationsmöglichkeiten bereits so durchgehechelt wurden, dass vermutlich sogar eine Nasenschleimhautgepiercte NuRetroMetalElectro-ClashSynchronSchwimm-Band, deren Lyrics ausschließlich aus ins Hebräische übersetzten 'Mein Kampf'-Passagen bestünden, selbst 13-jährigen Mallrats nur ein müdes Lächeln abringen würde... Aber ich schweife ab. Zurück zur Frage: Wie können Jane's Addiction heutzutage schocken. Oder besser: Müssen sie? Wenn nicht: Was wollen sie dann?

Damit es aber für all diejenigen, die zum Zeitpunkt der Auflösung 1991 ihren Kindergartenabschluss noch nicht in der Tasche hatten, nachvollziehbar wird, warum an dieser Stelle soviel Aufhebens um ein paar mittelalte Herren in bunten Kleidern gemacht wird, schnell ein Blick zurück in die mittleren Achtziger, als Jane's Addiction noch ein Haufen junger Männer waren. In bunten Kleidern.

Señores y Señoras... Here Wo Go!

1984, Kalifornien. Das Jahr, für das George Orwell seinerzeit den totalen Überwachungsstaat prophezeit hat, ist - zumindest im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit - in Sachen Musik eine goldene Zeit für Bands und Künstler wie Phil Collins, Hall & Oates und Yes. Also das, was uns heutzutage im In-Die-Fresse-Gute-Laune-Radio als 'Classic Rock & Pop' verkauft wird. Zwar gibt es natürlich noch die Hardrock-Bands, Van Halen, Mötley Crüe etc., und auch gepunkt wird schon lange, allerdings hauptsächlich im Untergrund - im Mainstream regiert die Langeweile und Einseitigkeit. Da kommt dem Mittzwanziger Perry Bernstein nach dem Ende seiner Goth-Pop-Band Psi Com eine Idee. Er ändert seinen Nachnamen in 'Farrell' (was übrigens in Verbindung mit 'Perry' wie das englische Wort 'peripheral', also 'nebensächlich' klingt) und schart ein paar Sechzehnjährige um sich, um sie einer freundlichen Art von Gehirnwäsche zu unterziehen: Dave Navarro (Gitarre) und Stephen Perkins (Drums) sind zwei 'Metalheads', deren Horizont durch Farrell signifikant erweitert wird. Ergänzt um den Bassisten Eric Avery verfolgt das Quartett Perry Farrells Vision von maximaler Aufmerksamkeit durch maximale Vielfalt a.k.a. Crossover. Dave erinnert sich: 'Als ich aufwuchs, hörte ich Iron Maiden und Led Zeppelin, meine Technik habe ich von Bands wie (Black) Sabbath und Van Halen. Perkins und ich spielten zu High-School-Zeiten in diesen ganzen Speed-Metal-Bands, und dann trafen wir auf Eric und Perry. Wir brachten unsere Metal-Fähigkeiten mit ein, und die beiden gaben uns einen Crash-Kurs in Sachen 'andere Musik', you know, die Goth-Szene, die Punks und auch diese ganze gestaltende Kunst. Diese Verbindung hat Jane's Addiction zu dem gemacht, was es war; diese ständige Reibung zwischen unseren unterschiedlichen Einflüssen.' Klingt vertraut? Doch bedenkt: Dies alles ist lange vor Rage Against The Machine & Co., vergleichbar vielfältige Wege waren bis dahin höchstens die Bad Brains mit ihrer Kombination aus Punk, Metal und Reggae gegangen. Selbst die früher gegründeten Red Hot Chili Peppers und Faith No More stecken noch in den Kinderschuhen, als Jane's Addiction beginnen, die Clubszene von L.A. aufzumischen. So ist es nur eine Frage der Zeit, bis der wachsenden Nachfrage mit einer verkäuflichen Tonkonserve Rechnung getragen werden muss. Ihr selbstbetiteltes Debütalbum erscheint 1987 auf dem kleinen kalifornischen Punklabel 'Triple X', Heimat der Angry Samoans, und ist nicht nur aus Kostengründen kurzerhand live aufgenommen - diese brodelnde Mixtur aus Punk, Funk, Hard Rock und allerhand anderem Teufelszeug schreit nach direktest möglicher Umsetzung. Auch ist die Band bekannt für furiose Performances, die unter anderem das Tragen selbstgeschneiderter Frauenkleider und nonchalant zwischen den einzelnen Mitgliedern ausgetauschte Küsse beinhalten. Also sehr wohl 'Something Shocking' für die prüden USA, denen sich Farrell aber dennoch verhaftet fühlt: 'Das Tolle an Amerika ist doch, dass wir keine Geschichte haben, die uns verfolgt, sondern dass wir losgehen können, um etwas Neues zu erfinden.'

Auf dieses Neue scheint sehnsüchtig gewartet worden zu sein: In den nun folgenden Jahren werden Jane's Addiction zu Alternative-Superstars, liefern mit 'Nothing's Shocking' und 'Ritual De Lo Habitual' zwei Klassiker ab, die seither Platinstatus erreicht haben. Der brillante Videoclip zur nicht minder brillanten Single 'Been Caught Stealing' gerät in 'medium rotation' auf MTV und ist mitverantwortlich für einen Charteinstieg. Doch der auch Offstage ausgelebte exaltierte Stil fordert seinen Tribut, mehr als ein Mitglied der Band fällt einem langwierigen Ringen mit Drogensüchten anheim, und Zwistigkeiten zwischen Navarro und Sänger Farrell lassen 1991 den Traum von der ewigen Rockseligkeit für die energischen Eklektiker platzen - ironischerweise nur wenige Monate bevor die Seelenverwandten Chili Peppers mit ihrem Überalbum 'Blood Sugar Sex Magik' den tatsächlichen Crossover-Boom inklusive damit einhergehendem 'Cashing In' lostreten. 'Dumm gelaufen', wie der Proll aus der Dorfdisko sagen würde, um vermutlich hinzuzufügen: 'Und Tschüss!'

Meanwhile in the Nineties...

Doch Perry Bernstein wäre nicht Perry Farrell, wenn er nicht noch ein Bonbon aus dem Ärmel zaubern würde, bevor er sich vom Acker macht. Das nennt sich 'Lollapalooza' und ist etwas - zumindest in amerikanischen 'Alternative'-Kreisen - noch nie dagewesenes, eine Art musikalischer Wanderzirkus. Gemeinsam mit diversen Jahrmarkt-ähnlichen Attraktionen und Vergnügungsmöglichkeiten gehen 1991 neben Jane's Addiction auf ihrer Abschiedsfahrt unter anderem die Butthole Surfers, Henry Rollins und Ice-T.s Bodycount auf Package-Tour durch die Staaten, und ziehen dabei Zuschauermengen, die bis dato etablierten Stadion-Rock-Acts wie Bruce Springsteen vorbehalten waren.

Eine kleine Anekdote am Rande: Die Legende besagt, dass die Stimmung im Hause Addiction bereits zu Beginn der mehrmonatigen ersten Zirkuswanderung so schlecht war, dass Perry Farrell und Dave Navarro am ersten Abend der Tour ihre Fäuste genau so lange aus dem jeweils gegenüberliegenden Gesicht halten konnten, wie es dauerte, den Set ihrer Band herunterzuspulen, um dann nach der letzten Zugabe den Backstage-Boxkampf zu beenden, in dessen Verlauf sämtliche Gitarren Navarros zu Bruch gegangen sein sollen.

Auch wenn die Beziehung zwischen Farrell und seinem Gitarristen zu dem Zeitpunkt also bereits ernsthaft angeknackst ist, würde er Dave Navarros folgender Aussage sicher dennoch zustimmen: 'Ich dachte früher auch mal: 'Weniger ist mehr', aber - fuck that! 'Mehr ist mehr' bedeutet viel größeren Spaß!' Den verspricht auch in den Jahren nach Jane's Ableben die fürderhin regelmäßig stattfindende Show, in deren Verlauf die Nine Inch Nails ihre erste größere, die Ramones ihre letzte (nach der Abschiedstour...) und Bands wie Pearl Jam, Sonic Youth, Dinosaur Jr. und die Beastie Boys eine irgendwo dazwischenfallende Konzertreise absolvieren. Beteiligte Musiker wie Flea von den Red Hot Chili Peppers bemängeln allerdings die Uniformität und Intoleranz des Publikums, darüber hinaus gerät das Unternehmen immer mehr in die Kritik, lediglich ein ebensolches und damit hauptsächlich auf finanzielle Interessen fixiert zu sein, was dazu führt, dass Farrell 1996 seinen vorläufigen Rückzug aus der Sache bekannt gibt.

Doch was machen unsere vier Helden in den Neunzigern musikalisch? Perry Farrell gründet eine neue Band namens Porno For Pyros, die ihm zwar mit ihrem gleichnamigen 93er Debütalbum eine höhere Chartposition beschert als alle Jane's Addiction-Releases, der aber im Vergleich zum Vorgänger immer der Geruch eines B-Projektes anhaftet. 2001 nimmt er mit 'Song Yet To Be Sung' sein erstes Soloalbum auf. Mit von der Partie dabei wie auch bei den Pornos ist Drummer Stephen Perkins, nebenbei schwingt dieser die Stöcke unter anderem noch für das Suicidal Tendencies-Nebenprojekt Infectious Grooves und als Studiomusiker.

Navarro versucht sich zunächst mit Eric Avery in der Band Deconstruction an experimentelleren Klängen, um neben einem Gastspiel auf Alanis Morissettes Durchbruchalbum 'Jagged Little Pill' und einem Beinahe-Job bei Guns'n'Roses als Ersatz für den seine persönlichen Dämonen bekämpfenden John Frusciante die vakante Stelle des Red Hot Chili Peppers-Gitarristen zu übernehmen. Auch er veröffentlicht ein Solo-Album, das kathartisch angehauchte 'Trust No One' (2001).

Das bringt uns, nach dieser kurzen Abhandlung einer guten Dekade in wenigen Sätzen auch schon - schwupps - ins Hier und Jetzt. Wie sagte einst der Teufel zu Bart Simpson? 'Hundert Jahre sind ein Tag. Und immer fleißig Heavy Metal hören!'

Here We Go... Again!

Nachdem für die eingangs erwähnten Touren in den späten Neunzigern renommierte Koryphäen wie Minuteman Mike Watt und Knallschote Flea den Basspart anstelle des standhaft abstinenten Eric Avery ausfüllen, wird kurz vor Beginn der Aufnahmen zu 'Strays' Chris Chaney ins Line-Up aufgenommen. Auch Dave Navarro und Perry Farrell scheinen ihre Streitigkeiten beigelegt, oder sich zumindest Jagger/Richards-like mit ihrer Hassliebe abgefunden zu haben, so honiggolden zufrieden klingt alles, was die beiden momentan zu sagen haben. Während letzterer die seit ihrer ersten Blüte verflossenen Tage mit dem Reifungsprozess eines guten Weines vergleicht, ist auch Kuckucksuhrensammler und Carmen Electra-Ehemann in spe Navarro kurz nach seinem 36. Geburtstag (am 7. Juni) stolzerfüllt und auskunftsfreudig, sobald es um die zwölf frischen Babies geht, die die gut 48 Minuten der neuen CD füllen. Auch wenn die Mitgliedschaft in seiner angestammten Band nicht erschöpfend zu sein scheint: Nebenbei spielt er, gemeinsam mit u.a. Moby, in einer Coverband namens Camp Freddie und taucht oft unerwarteterweise in eher befremdlichen Kontexten auf - in Mariah Carey-Videos, beispielsweise, oder in der Band von Christina Aguilera. Naja, jedem Tierchen... Back to Business, und das heißt: Fakten zum neuen Album, bitte sehr. Aufgenommen wurde das Ganze in den 'Jim Henson Studios' - schade eigentlich, dass dessen 'Muppet Show' nicht mehr produziert wird, es wäre ein interessanter Rahmen gewesen, neue J.A.-Songs wie 'Just Because' vorzustellen. 'Davor gehörte es Charlie Chaplin, und er hat dort alle seine Filme gedreht. Das sind historische Räumlichkeiten! Jeder hat schon mal da aufgenommen, die Carpenters, The Police...' Jetzt also auch Jane's Addiction, und zwar zusammen mit Bruce Ezrin. 'Er hat 'The Wall' produziert, und Lou Reed's 'Berlin'', erklärt Navarro. 'Zwei meiner Lieblingsplatten, und dann Alice Cooper und Kiss - wir haben uns einfach entschieden, dem ROCK mit ausgebreiteten Armen entgegen zu gehen, you know?' Sure we do. Oder, um die weiter oben gestellte Frage, was Jane's Addiction dieser Tage wollen, zu beantworten: Nicht 'Shock' sondern 'ROCK!' scheint nun das Motto. Geschenkt, die Platte rockt. Und klingt dabei frappierend unzeitgemäß. Oder zeitlos? Völlig wertungsfrei scheint es jedenfalls unglaublich, dass zwischen 'Ritual...' und 'Strays' derart viel Zeit liegen soll. 'Everybody's Friend' ist eine beinahe 'Jane Says' ebenbürtige Ballade, und der Opener, das Funkrock-Riffmonster 'True Nature' teilt mit 'Stop!', dem ersten Song des Vorgängeralbums, mehr als nur den Eröffnungsschrei 'Here We Go!' Da passt es ausgezeichnet ins Bild, dass während dieses Heft aus der Druckerei purzelt, die erste 'Lollapalooza'-Tour seit 1996 vom Stapel läuft. Die Headliner? Ratet mal... Beachtliche Stiltreue, alles was Recht ist. Aber Perry Farrell singt nicht umsonst 'I'm not your average Guy' (in 'Superhero'), und er beweist es zum einen abermals durch seine außergewöhnliche Stimme, zum anderen mit einem Song wie 'Hypersonic', der die Energiekrise thematisiert. 'Allerdings', so Dave, 'jammert er nicht herum, sondern gibt Lösungsvorschläge.' Doch keine Angst, der gute alte Spaß kommt auch diesmal nicht zu kurz: 'It's got dirt and glamour and glamour and dirt and sex and fun and good times...' bringt Dave Navarro auf den Punkt, was man wohl von Jane's Addiction im dritten Jahrtausend erwarten kann. Anachronismus, Schmanachronismus - the only reason is 'Just Because'...

Text: Torsten Hempelt Fotobearbeitung: a-project

Jane's Addiction Diskografie: Jane's Addiction (Live, 1987) *** Nothing's Shocking (1988) *** Ritual De Lo Habitual (1990) *** Live And Rare (Compilation, 1991) *** Kettle Whistle (Compilation, 1997) *** Strays (2003) Perry Farrell: Rev (Compilation, 1999) *** Song Yet To Be Sung (2001) Dave Navarro: Trust No One (2001)


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